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25.04.2019

Interaktive Geschichte #Floflüchtet - Die Nacht im Wald (Zwischenkapitel)

Als wir die kleine Lichtung überqueren, erkennen wir vier junge Männer, die um ein kleines Lagerfeuer sitzen. Während einer von ihnen tatsächlich gekonnt auf einer Gitarre spielt und lässt ein anderer saftige Steaks über dem Feuer bruzzeln. Der Anblick weckt Fleischeslust. Freundlich werden wir begrüßt und nach einigen Sätzen siegt die gegenseitige Neugier. Was treibt heutzutage noch 4 junge Leute ohne Smartphones mitten in die einsame Natur? Ja, und dein schwebender Sessel fordert natürlich auch geradezu eine Erklärung heraus. So sitzen wir wenig später mit einer Flasche Bier in der Hand und einem köstlich duftenden Steak im Brötchen in der anderen um das Feuer herum. Und nachdem ich ihnen unsere Geschichte erzählt habe und so manches Lachen verklungen ist, erzählen sie uns, was sie in die Einsamkeit treibt.

Es geschah vor drei Jahren, so erzählten sie, dass sie beschlossen hatten auf den Kreuzfahrtschifftrend aufzuspringen. Da ihr Finanzpolster allerdings nicht wirklich viel zu bieten hatte und sie nicht wussten wie seefest sie seien, suchten sie nach Angeboten im Netz. Plötzlich war da dieses Angebot. Siebentägige Kreuzfahrt auf der Ostsee stand da. Man überflog die Zeilen mehr schlecht als recht und buchte, da die Städte, die angelaufen werden sollten durchaus auch interessant klangen. Wenige Monate später traten sie die Reise an. Über die vielen älteren Personen machte man sich so erstmal gar keine Gedanken, das, so hörte man, sei ja auf Kreuzfahrten üblich. Auch das Schmunzeln des Bordpersonals beim Einchecken ließ sie nicht nervös werden und so suchte man die gebuchten Innenkabinen auf, packte schnell die Koffer aus und lief anschließend über das leere Treppenhaus nach oben auf Deck. Vielleicht hätten sie da schon stutzen sollen. Hunderte von Menschen auf einem Schiff und keiner von ihnen im Treppenhaus? Sie waren noch nicht ganz oben angekommen, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Ihre Freude über die Reise stieg weiter an, mit einem breiten Lächeln eilten sie die letzten Stufen hinaus, traten durch das offen stehende Schott. Sie jubelten, jauchzten, klatschten sich gegenseitig ab, bis sie gefühlt die Blicke aller Mitreisenden auf sich gezogen hatten. Da verstummten sie, erstarrten zu Statuen. Was war denn das? Das Schiff war voll mit alten Menschen. 90 Jährige soweit das Auge reichte. In der Ferne verschwand der Hafen. Das rettende Ufer und mit jeder Seemeile fühlten sie sich älter und älter. Wo waren sie denn hier gelandet? Hatten sämtliche Seniorenheime Freigang? Zähneknirschend schlichen sie mit hängenden Köpfen in ihre Kabinen. Wie sollten sie diese Fahrt überstehen? Was würde es wohl hier auf diesem Schiff so an Angeboten geben. Kanasterabende, Heimatmelodie, püriertes Essen in den Restaurants und Rollatorrennen in den Städten. Es gruselte sie bei dem Gedanken und die Stimmung war auf dem Nullpunkt. Gerade hatten sie schon beschlossen beim nächsten Hafen einfach von Bord zu gehen, als es an ihren Türen klopfte. Ihr Alptraum schien war zu werden, als sie eine Horde Greise auf dem Flur sahen. Doch irgendetwas störte sie an ihrem Anblick. Irgendetwas bracht sie aus der Fassung. Hier stimmte doch etwas nicht! Nuschelten die da irgendetwas von Rolling Stones? Die Stimmung der alten Menschen wirkte irgendwie ansteckend und so ließen sie sich von der Menge mitziehen und schlufften hinter ihnen her in den größten Saal auf dem Schiff. Rockige Musik tönte ihnen schon von weitem entgegen. Verwundert schauten sie sich an und als das Licht ausging und Mick Jagger sie mit „Satisfaction“ begrüßte, vergaßen sie das Alter der Menschen um sie herum und feierten zwei Stunden lang ausgelassen.  Abend entdeckten sie dann das Grillrestaurant für sich. Die sieben Tage wurde für sie ein absolut geiler Trip in denen nur die Städte tatsächlich Erholung boten. Eine Rockband nach der anderen gaben sich die Klinke in die Hand, bis weit in die Nacht wurde gefeiert und sie mussten zugeben, dass die Senioren das deutlich besser verkrafteten als sie. An so manchen Abenden wurden sie regelrecht unter den Tisch gesoffen. So war ihr Körper nach der Reise völlig fertig, der Geist lachte noch Wochen später darüber. Und trotz der geilen Kreuzfahrt beschlossen sie, nie wieder auf eine Kreuzfahrt zu gehen und ihre Urlaube lieber in der Einsamkeit und ohne jegliche Technik zu verbringen.

So sitzen wir um das Feuer herum. Sicher glauben wir das Ganze nicht und schauen zweifeln in die Runde. Die vier bemerken unsere Blicke und so wird schnell ein Fotobuch aus einem der Zelte geholt. „Mahnmal“ prangt in großen Buchstaben als Titel auf dem Cover. Ich kann dir sagen, selten hatte ich solch kuriose Träume in der Nacht.

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Admin - 07:46:03 @ Gedankenflucht, Floflüchtet | Kommentar hinzufügen